ERNST-LUDWIG-SCHULE:
130 SCHÜLER DER ELS REISEN NACH
“ANDORRA”
Andorra ist auf Sand gebaut. Zumindest ist die Bühne in der
großen Halle der Landungsbrücken am Westhafen Frankfurts,
auf der uns eine Vorstellung von Max Frischs bekanntem Stück
erwartete, von einer dicken Sandschicht bedeckt. Man könnte
hier sofort an eine Beach Party denken, aber schon der Weg
durch die düsteren Gänge des ehemaligen Lagergebäudes in
den schummrig beleuchteten Saal stimmte uns darauf ein,
dass uns etwas weitaus Bedrückenderes erwarten würde.
Der Sand bildet den mürben Grund für Lügen, Selbstbetrug
und tödliche Vorurteile, aus denen Andorra erbaut ist. Gleich
zu Beginn der Vorführung führt uns ein Chor mit blutrot und
weiß verzerrten Clownsfratzen vor Augen, dass dieses Andorra
ein (Sandkasten?) -Modell unser aller Abgründe ist. Andorra
findet sich überall und bleibt, auch wenn es bereits 1961 zum
ersten Mal in Zürich aufgeführt wurde, immer aktuell. Wer
denkt dieser Tage nicht sofort an die Vorbehalte gegen „die
Fremden“, die bei seltsam anmutenden Demonstrationen von
PEGIDA-Anhängern verlautbart werden?
Das Jugendensemble theater et zetera, das unter der Leitung
von Georg Bachmann dieses Stück innerhalb von nur neun
Wochenendworkshops inszeniert hat, setzt diese
Modellhaftigkeit
konsequent um: So kommen zum Beispiel die jungen
Schauspieler im Freizeit-Outfit auf die Bühne und kletten sich
erst dort die Kostüme vor die Brust. Auch schaffen die
skurrilen Lügennasen, die alle Andorraner tragen – außer
ihrem Opfer Andri – kritische Distanz. Diese Nasen sind, wie
uns das Ensemble später bei der Nachbesprechung verriet,
eine verfremdende Umkehrung der grotesken Rassenvorurteile
gegen Juden, die von den nationalsozialistischen Eugenikern
verbreitet wurden. Hier sind es nun die Andorraner, die das
Stigma tragen, nicht der Junge, den sie zum„ Jud“ machen.
Erst wenn er ihr Vorurteil annimmt, wird er auch äußerlich
einer von ihnen. Andri mit Nase, nachdem er sein “Judsein”
angenomme hat.
Diese gewagten Stilmittel machten uns Zuschauer auf das
bevorstehende Schauspiel neugierig. Mit etwa 130
Schülerinnen und Schülern aus der E-Phase und einer neunten
Klasse fuhren wir in drei Bussen am 23. April zu einer
Sondervorstellung nur für die Ernst-Ludwig-Schule nach
Frankfurt
zu den Landungsbrücken. Der Ausflug ist Teil des TuSch-
Projekts, an dem die ELS seit drei Jahren teilnimmt. TuSch
heißt Theater und Schule und ist eine Kooperation, die eben
nicht nur Theater in die Schule, sondern, so wie bei dieser
Gelegenheit, eben auch die Schule ins Theater bringt. Georg
Bachmann, der Leiter dieser Inszenierung von theater et
zetera ist im Rahmen von TuSch auch an der ELS tätig, wo er
bereits einen Maskenworkshop leitete, Kurse im Darstellenden
Spiel professionell unterstützte, an der Erarbeitung einer
Szenischen Interpretation von „Andorra“ im Deutschunterricht
mitarbeitete und in einer Theater AG zur Zeit mitten dabei ist.
Vielleicht hat diese Arbeit ja einen Anreiz gegeben, sich nun
mit einer vollständigen Inszenierung Andorras zu beschäftigen.
Hier schließt sich der Kreis, denn viele der Zuschauer der
heutigen
Vorführung haben letztes Schuljahr bei der szenischen Arbeit
an Andorra in der Schule mitgewirkt und sind somit nun
„Experten“. Es sind aber mit Lea Segith (9c) und Juliane
Bernhard (E-Phase) auch aktuell zwei Schülerinnen der ELS an
der Produktion in den Landungsbrücken beteiligt.
Das Ensemble besteht, in variierender Besetzung sonst
vorwiegend aus Frankfurter Schülerinnen und Schülern im
Alter zwischen 12 und 17 Jahren, die teilweise ganz frisch
dabei sind oder schon Erfahrung bei den letzten Produktionen
„Krabat“ und „Peter Pan“ gesammelt haben. Besonders
überzeugend trat der Soldat Peider als Gegenspieler der
Hauptfigur Andri auf, indem er diesen nicht als tumber
Kraftprotz sondern mit hinterhältiger Intelligenz bedrohte.
Erschreckend eindrucksvoll ließ uns Zuschauer auch der Pater
eiskalte Schauer den Rücken herunterlaufen, wenn er Andri
mit langen Fingern zudringlich betastend dessen
Selbstwertgefühl brach. Ebenso frisch wirkte auch die
Interpretation des in Alkoholsumpf und Selbstmitleid
ertrinkenden Lehrer Can, als er bei einem Tangotanz mit dem
Tischler eine Lehrstelle für seinen vermeintlich jüdischen
Pflegesohn Andri herausschlug.
Das Stück kulminierte in der „Judenschau“, die sich durch
zischend einströmenden Nebel ankündigte, welcher sehr
unterschiedliche beklemmende Assoziationen bei den
Zuschauern auslöste. Den einzigen erholsamen Gegenpol zu
den bedrohlichen Handlungsträgern und Szenen bildete das
lebendige Orchestrion (oder Jukebox): Nachdem es die
Münzen, mit denen es von Andri gefüttert worden war,
aufgegessen hatte, wiegte es immer wieder genussvoll den
Kopf zu der herzzerreißenden Musik, mit der Andri vergeblich
die Bedrängnis in seiner andorranischen Heimat vergessen
machen wollte. Die vielen positiven Rückmeldungen aus den
Deutschkursen und Klassen zeigten, dass das Stück allseits
sehr gut angekommen ist und zum Nachdenken provozierte.
Vielfach wurde der Wunsch nach baldiger Weiterführung
derartiger Theaterexkursionen geäußert.
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