LAUTLOS IST LAUTER ALS GEDACHT
Lautlos ist lauter als gedacht. Ich habe aufgehört zu schreien. Nicht,
weil es nicht mehr zu sagen gäbe, sondern weil es nichts ändert.
Garnichts. Es ist schwer zu erklären, wie es ist, zu wissen, dass du
alles sagst, und es prallt ab wie Wasser an Stahl. Wie die Wahrheit
allein niemanden dazu bringt, etwas zu ändern. Und irgendwann
merkst du: Es geht nicht darum, gehört zu werden. Es geht nur
darum, zu überleben, in einer Welt, in der jeder sich selbst liebt und
alles andere ausblendet. Manchmal denke ich, es ist alles sinnlos.
Wirklich. Ich meine schau dich um. Wir leben auf einem kleinen
rotierenden Stein in einem Meer aus Milliarden Sternen. Wir wissen
nicht, woher wir kommen, wohin wir gehen, oder ob überhaupt
irgendwer zuhört. Wir klammern uns an Meinungen, an Konsum, an
Besitz, weil wir sonst spüren müssten, wie winzig wir sind. Und ich –
ich spüre das zu oft. Ich spüre, wie groß alles ist. Und wie klein ich
bin. Dann werde ich still Nicht aus Schwäche. Sondern, weil der
Lärm der Welt zu laut ist für die Fragen, die wirklich zählen. Ich
schweige, weil mein Schweigen lauter ist als alles, was ich sagen
könnte. In meinem Kopf schreit es. In jeder Nacht, in jedem
Moment, wenn ich die Augen schließe und die Welt sehe: die
Gewalt, die Ignoranz, die Lügen, die Heuchelei. Vielleicht, weil wir
das Falsche laut machen. Vielleicht, weil das Wichtige lautlos
bleibt. Ich schweige nicht, weil ich aufgegeben habe. Ich schweige,
weil Worte nichts mehr bedeuten, wenn sie nicht getragen werden
von Taten. Ich habe erklärt, gezeigt, geteilt – und sie hören nicht.
Also rede ich nicht mehr. Ich handle. Leise, nach meinen Prinzipien.
Nicht aus Trotz, sondern aus Klarheit. „Lautlos ist lauter als
gedacht.“ Denn auch wenn ich still bin – ich höre alles. Ich fühle
alles. Und vielleicht ist das genug, um nicht völlig taub zu werden in
einer Welt, die nichts mehr hören will.
DIE PRINZESSIN HAT EINE GLATZE
Der Nacken schmerzt, der Kopf hängt nach vorne. Wasser auf
meinem Nacken, läuft meinen Rücken hinunter. Meine Füße stehen
unsicher, der Duschboden ist rutschig. Das Wasser ist warm an
meinem Nacken. Der Boden ist kalt. Zu groß für die Dusche, eine
spindeldürre Kreatur hängt unter dem laufenden Wasser. Nasse
Haarsträhnen hängen vom Kopf. Dünne Fäden. Jeden Moment
können sie fallen. Nicht anfassen, bloß nicht anfassen. Ich sehe sie
auseinanderfallen. Es knackst. Mein Rücken knackst. Meine Brust.
Unbeweglich. Steif. Wie ein Ast. Ein eigerostetes Scharnier. Runder
Rücken. Die Wirbelsäule tritt hervor. Spitz. Der Glöckner von Notre
Dame. Seife auf meiner Haut, meine Hand reibt, wieder und wieder,
über den Arm, die Beine, die Brust. Dreck. Überall. Nicht bewegen.
Lose Körperteile, zusammengehalten durch Klebeband. Es weicht
durch. Mein Körper fällt auseinander. Einzelne Gliedmaßen, sie
hängen unbeholfen. Haare sind überall. Lange, nasse Strähnen, sie
sind überall, an meinen Füßen, meinen Armen, in meinen Augen,
meinem Mund. Dreckig. Eklig. Ich muss raus. Keine Luft. Haare im
Mund. Ein Würgereiz. Zu viele Haare. Ich werde nie sauber sein.
Erbärmlich, dieser Körper, dieses Gesicht. Fremd, unmenschlich.
Wer ist das? Was bin ich? Es soll weg, diese Kreatur. Aus meinem
Körper. In mir. Parasit. Aus der Haut fahren. Raus. Ich möchte
geradestehen. Meinen Körper fühlen. Seine Schönheit. Ich spüre
jeden Muskel, jeder ist an seinem Platz, jeden kann ich kontrollieren,
bewegen. Ich spüre, wie meine Augen aussehen, meine Lippen,
meine Wangen, meine Nase, meine Haare, spüre, dass sie schön
sind. Ich muss nicht in den Spiegel sehen. Mein Körper weiß, wie er
steht. Meine Schultern sind weich, meine Hüfte hält mich, meine
Beine stehen fest. Jede Bewegung mühelos. Ich fliege ein bisschen.
Bei jedem Schritt. Alles passt. Passt zusammen. Ergänzt sich. Ich bin
eine Einheit. Mein Körper, mein Kopf gehören mir. Ich spüre meine
Organe. Luft in meiner Lunge, mein Herz pocht gleichmäßig. Die
Welt ist nicht zu klein. Ich verschmelze mit ihr, wenn ich stehe, wenn
ich sitze, wenn ich liege. Ich vertraue meinem Körper. Alles passt
zusammen. Vollständig.
ICH WEIß!
„Ich weiß“, sage ich. Da sitzen wir wieder. Und du fragst mich wieder,
was ich heute gemacht habe. Und ich bin wieder den Tränen nahe,
weil die Antwort nicht die ist, die du hören willst. Die ganze Zeit hat es
dich nicht interessiert und jetzt ist es deine neue Obsession mich
auszufragen? Mich die ganze Zeit zu fragen – fragen und zu stressen.
Stressen mit der Frage, wie weit ich denn schon bin. Wenn ich dir
sagen würde, ich habe noch nicht mal angefangen, würdest du mich
wieder mit diesem Blick ansehen. Dieser traurige Blick, der mir das
Herz bricht. Du verstehst mich nicht. Du verstehst mein Problem
nicht, willst es aber für mich lösen. Du kannst aber nicht. Dir sind die
Hände gebunden. Es ist schon schlimm genug, dass ich mich wie ein
Versager fühle, aber bitte zwing mich nicht, auch noch dein Herz zu
brechen, indem ich dir die Wahrheit sage. Früher konntest du stolz
auf mich sein, glaube ich. Vielleicht gehen wir einfach dahin zurück?
Du sagst mir Dinge, die weiß ich schon längst. Glaubst du ich
begreife den Ernst der Lage nicht? Ich will aber nicht, dass du ihn
begreifst! Denn dann würdest du realisieren, dass du mir nicht helfen
kannst. Ich soll früher aufstehen und einfach mal anfangen. Ich weiß!
Denkst du echt ich schon gelöst. Bin ich so blöd? Ich kann es ja nicht.
Ich bin zu schwach, zu undiszipliniert, zu blöd oder einfach faul. Ich
will nicht, dass du das von mir denkst. Also wenn du wieder fragst,
sage ich nichts. Weil ich weiß, dass du es nicht verstehen kannst.
Schau mich bitte nicht so traurig an. Ich weiß.
MEIN FRÜHJAHR OHNE FRÜHLING
Wenn ich mal wieder ohne einen guten Ausblick vor dieser
Klassenzimmertür stehe, und ich meine den Ausblick in die Zukunft,
nicht auf eine Landschaft oder ähnliches; dann erkläre ich mir selbst
meine folgenden Schritte, folgendermaßen:
1.Dominanz bewahren. Es ist möglich trotz seinem unterlegenen
Emotionalen Zustand, und damit meine ich eine wirkliche tiefe Kluft,
die sich in deinem Herzen aufgetan hat; absolute Überlegenheit zu
bewahren. Realisiere dir das!
2.Es muss nun eine bestimmte Art Mimik, Gestik, Kommunikation
geben, die jene bestehende Überlegenheit ausdrückt. Wie werde
ich an diese Tür anklopfen? Ganz simpel: Besser als es jemals getan
wurde... Wie werde ich ihnen "guten Tag" wünschen? So dass sie
Wissen, dieser hier, wird ihr bester Tag jemals.
3.Verdränge jegliche Störfaktoren, der dieses eingespielte
Tänzchen, oft geprobt, oft aufgeführt, behindern könnte.
"Negative" Gedanken wie, wie soll ich leben, möchte ich weiter
existieren, sollten gnadenlos ignoriert werden. Sie sind dir selbst
nicht angemessen.
4."Schon wieder zu spät" Ach Gott, störe nicht. Gehe zu deinem
Platz, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Jetzt begrüße deine
zahlreichen Freunde. "Kannst du mal mit mir reden" nein, kann ich
nicht; Störfaktor; "Nein, das möchte ich nicht." Erbärmlichkeit
abgewendet... "Habe ich das wirklich nötig?", frage ich die Lehrerin,
oder wen eigentlich?
FASS MICH AN!
"Fass mich an! Also nein, nein fass mich nicht an. Fass mich nur an,
damit es bitte aufhört. Damit du aufhörst. Aber wie soll ich dir das
sagen? Es geht ja nicht. Ich stecke schon wieder in dieser Situation
fest! "Nein" hat 4 Buchstaben... bloß vier aber irgendwie ist es
trotzdem zu lang. Vielleicht würde ich ein "nnnn" herausbekommen,
aber würde er das überhaupt hören oder ist er schon zu sehr in
seiner Welt? Würde er das überhaupt hören wollen? Aber wenn du
jemanden liebst, dann ist dir doch die Meinung und das
Wohlbefinden der Person wichtig. Das heißt, wenn ich etwas sagen
würde, dann würde er aufhören, oder? Oder? Die Bettdecke ist
weich, gemütlich. Die Streifen sind lustig. Ich glaube ich könnte
mich hier gut einkuscheln... Hmm einfach liegen und schlafen...
aber stattdessen fasst er mich ja an! Ja, meine Güte, mach es doch
schneller oder bitte gar nicht, weil eigentlich will ich das ja
überhaupt nicht. Also vielleicht schon, aber nicht jetzt, nicht so.
Aber wie denn? Ja, irgendwie, wie ich es halt will... wie ich es auch
wollen will. Aber wie soll ich ihm das sagen? Was, wenn er es nicht
hören will? Wenn er lieber ein Ja als die Wahrheit hören will? Will ich
lieber ein Ja als die Konsequenzen meines Neins? Bin ich irgendwie
auch so? Aber ich passe doch immer so auf. Oje, wir müssen
dringend mehr reden! Bin ich eigentlich liebenswert oder ist es nur
mein Körper? Aber mein Körper ist irgendwie kaputt... genau wie
meine Seele. Die Seele, die eigentlich mit so viel Liebe behandelt
werden sollte. Aber tut er das? Tue ich das? Naja, ich nehme mich
wahr und meine Empfindungen ernst. Ich müsste ihm das aber
sagen oder so. Aber "Nein" ist so schwer irgendwie. Ich möchte ein
bisschen, dass er auch meine Seele umarmt. Oje, es geht weiter.
Soll ich auch was machen? Wohin mit meinem Händen? Fuck. Was
tue ich hier überhaupt? Macht es was kaputt, wenn ich etwas sage?
Wenn ich nichts sage? Naja, ... also bei mir ja auf jedenfalls. Ja, ich
sollte was sagen... Jetzt!
Theater et zetera
+49 1733090939
AKTUELLE PARTNER
auf Instagram
theater-etzetera@t-online.de