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Georg Bachmann
Spielleitung / Regie
Spielerinnen und Spieler
Olivia Ebert / Stella Hilb / Raoul Jochum Lisa Künkel / Pia Lindner Marijke van Riksoort / Inga Wilzcek Susanne Wingen
Premiere
Ausgezeichnet mit der Einladung zum 25. Theatertreffen der Jugend 2004
Eigenproduktion
Jugend-Kultur-Werkstatt Falkenheim
"Alle Menschen wissen zu Beginn ihrer Jugendzeit welches ihre innere Bestimmung ist. In diesem Lebensabschnitt ist alles so einfach, und sie haben keine Angst alles zu erträumen und sich zu wünschen, was sie in ihrem Leben gerne machen würden. Indessen während die Zeit vergeht, versuchen uns mysteriöse Kräfte davon zu überzeugen, dass es unmöglich sei, den persönlichen Lebensplan zu verwirklichen." Paulo Coelho
Frankfurter Rundschau vom 18. Mai 2004 Von Anne Lemhöfer Mit ihrer Eigenproduktion “Sei ruhig, ... schwimm weiter! hat sich die Theatergruppe der Jugend-Kultur-Werkstatt Falkenheim im Gallus für das Jugendtheatertreffen in Berlin qualifiziert. Ein großer Erfolg: Von 172 Bewerbern aus ganz Deutschland wurden nur acht Ensembles ausgewählt. “Ich war dagegen, dich zu behalten.” “Das ist Claudia, wir sind jetzt zusammen.” “Tschüss dann, Frau Meier.” Es sind Sätze wie diese, spärlich und gekonnt eingesetzt, die den Atem stocken lassen in der Jugend-Kultur-Werkstatt in der Herxheimer Straße. Es ist die letzte Probe des Falkenheim-Ensembles vor dem großen Auftritt am Freitag. Vor einem Publikum aus ganz Deutschland werden die acht Akteurinnen und Akteure aus dem Rhein-Mein-Gebiet ihr Stück “Sei ruhig, ... schwimm weiter!” beim Jugendtheatertreffen der Berliner Festspiele präsentieren. “Sei ruhig, ... schwimm weiter!”: Der Titel, das zeigt sich bereits nach wenigen Szenen, hat mehr als nur einen zynischen Beigeschmack. Die Schauspieler, zwischen 18 und 28 Jahre alt, haben mit dem Regiesseur Georg Bachmann traumatische Erlebnisse in verschiedenen Lebensabschnitten, von der Geburt bis zum frühen Erwachsenenalter, in einer improvisierten Szenenkollage auf die Bühne gebracht.: Eine Mutter eröffnet ihrer Tochter an derem 18. Geburtstag, dass sie adoptiert wurde. Kurz vor der Hochzeit gibt der Bräutigam in spe zu, sich in die beste Freundin seiner Lebensgefährtin verliebt zu haben. Beim dritten Anlauf zur Magisterprüfung lautet das Urteil der Professorin erneut “nicht bestanden.” Die beklemmente Botschaft, dass so etwas wie Freiheit bei der Planung von Lebensentwürfen nicht existiert, symbolische Käfige als einige der ganz wenigen Requisiten, in denen sich die Schauspieler immer wieder von innen an die Gitterstabe krallen.
Der Vorhang geht auf und es wird laut - ein schrilles, ohren-betäubendes Geräusch bereitet Schmerzen, sinnliches Theater für Ohr, Nase und Augen: Schmiedewerkstattgeruch erfüllt den Raum und der Funkenregen der gnadenlosen Flex, die einen Käfig/Kinderwagen bastelt, wird zum Zimmerfeuerwerk, das jenen Ur- Moment zelebriert, mit dem alles beginnt - das Leben nämlich: da liegt die Schwangere „guter Hoffnung" auf dem Tisch. Ein Bild, das sinnfällig die Grundidee des Stückes und das Inszenierungskonzept verdeutlicht: Es geht ums LEBEN (von der Wiege bis zur Wiege, der ewige Kreislauf, der über das Einzelschicksal hinausweist) - und das kann manchmal zum Totlachen komisch sein, wenn endlich aufhört, was weh tut (Touch me!). Und dann kommen die mediclean verkleideten Suchenden, Grubenarbeiter in Sachen Geburt und Erhellung, und weisen diskret interaktiv auf einen „anderen Umstand" hin: Da is nix mit Zurücklehnen! Das, was gleich kommt, ist nicht unser Stück, sondern auch des Zuschauers „Ding": Meine Damen, Sie sind schwanger! Es wird eine schwere Geburt, choreografiertes Warten & Zeit-totschlagen bis zu jenem grandiosen Moment, wenn die Hebamme aus den Untiefen des Weiblichen den „corpus delicti" zieht: das Kind / das Stück / den Anfang vom Ende des Anfangs... das Kind, das kurz darauf wie für immer gewindelt der Liebe der Welt ausgesetzt wird. Am Schluss des Stückes kehren die Erwachsenen zurück in den Käfig jedes Anfangs - ein Leben lang gefangen sein in dem, was „determiniert" war. Die Kunst des Scheiterns nämlich hat zwei Mütter: an den Haaren herbeigezogene Fremdbestimmtheit und Selbstverhinderungskunst.